Es war einmal..
Es war einmal vor langer Zeit, über 120 Jahre ist es her, an einem Ort nicht allzu weit von dir ein schönes, gediegenes Hotel. Das Hotel stand leicht erhöht und ward umgeben von den schönsten Bergen, die das Land zu bieten hatte. Manch einer würde sagen es lag an bester Lage, verwöhnt vom prachtvollen Ausblick und der reichlich scheinenden Sonne. Kein Wunder kamen die Gäste zahlreich und liessen sich hier gerne verwöhnen. Sie tafelten an weiss bezogenen Tischen und assen und tranken aus goldumrandetem Geschirr, während sich ihre Blicke an der prachtvollen Umgebung weideten. Über 100 Jahre lang kamen Menschen aus aller Welt und liessen Körper und Geist verwöhnen. Doch mit der Zeit blieben die schönen Räume und die gepflegten Tische immer häufiger leer und die goldenen Verzierungen an den Teller und Tassen verblassten oder waren bald gar nicht mehr zu sehen. Und so beschlossen die einst so stolzen Besitzer das schöne Hotel zu verlassen und sie zogen weiter, um sich einen anderen Platz zu suchen irgendwo hinter den hohen Bergen.
Als das alte Hotel schon länger leer stand, kamen drei ältere Frauen des Weges. Sie standen an der Sonne, inmitten der schönen Berge und bestaunten das leerstehende Haus. «So eine Schande!», sagte die erste der drei Frauen. «Was für eine Verschwendung!», meinte die Zweite. «Da müssen wir etwas unternehmen!», rief schlussendlich die Dritte. Und zusammen beschlossen sie, das schöne alte Hotel zu kaufen und darin wieder Menschen wohnen zu lassen. So verteilten sie sich in alle Himmelsrichtungen und sprachen mit den grössten Geldleihern, mit vermögenden Kaufleuten und schrieben Briefe an grosszügige Wohltäterinnen. Schon bald hatten sie genügend Mittel zusammengetragen, um das prachtvolle Haus zu kaufen. Und nicht nur das. Das Geld reichte sogar, um die alten Holzböden wieder zu polieren, die knarrenden Türen zu ölen und die alten Fenster zu ersetzen, damit der Wind in den kalten Wintern nicht mehr durch die Ritzen pfiff. Das Hotel erstrahlte wieder in vollem Glanz. Zu guter Letzt liessen die 3 Frauen neben dem grossen Haus noch ein kleineres Haus bauen. Darin gab es Wohnungen mit vielen Zimmerchen, damit sich auch die Familien mit ihren Kindern so richtig wohlfühlten.
Als alles fertig war, liessen die drei Frauen die Neuigkeit in den Tälern zwischen den Bergen und auf den Ebenen hinter den Gipfeln verbreiten, damit sich die Menschen zusammenfanden, die Lust hatten in dem grossen und kleinen Haus zusammen zu wohnen und füreinander zu sorgen. Und sie kamen bald diese Menschen, Junge und Alte, von nah und fern und sie liessen sich in den Zimmerchen und Wohnungen nieder und füllten das Haus mit ihrem Dasein und ihren unterschiedlichen Geschichten. Und fortan waren die Tische wieder besetzt, klapperte wieder das Geschirr und die Menschen hatten Freude aneinander und an der schönen Umgebung. Manche schlugen Wurzeln, manche zogen nach einiger Zeit weiter in dem schönen Land. Aber immer trugen die Menschen Sorge zueinander, liessen sich vom reichen Schatz der Erfahrungen bereichern im Wissen, dass dies ein wundervoller Ort ist, um zu leben und zu wachsen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute da, die rund vierzig grossen und kleinen Menschen. Und ich bin sicher, wenn es dich einmal in das Land der grossen Berge zieht, dann freuen sie sich bestimmt über deinen Besuch und holen ihre goldumrandeten Tellerchen und Tässchen hervor…